.

  Flow unter extremen Bedingungen    
       
  Richard Logan,  
  der viele Berichte von Menschen in schwierigen Situationen untersucht hat, schliesst daraus, dass sie überlebten, indem sie Wege fanden, die objektiv schlechten Bedingungen in subjektiv kontrollierbare Erfahrungen zu verwandeln. Sie folgten dem Grundmuster von flow-Aktivitäten. Zunächst schenkten sie noch den winzigsten Einzelheiten ihrer Umgebung Aufmerksamkeit und entdeckten darin verborgene Möglichkeiten zum Handeln, die ihren eingeschränkten Fähigkeiten unter diesen Bedingungen entsprachen. Dann setzten sie sich Ziele, die der schwierigen Situation angemessen waren und beobachteten ihren Fortschritt durch die eingehende Rückmeldung sorgfältig. Immer wenn sie ein Ziel erreichten, verschärften sie die Regeln und setzten sich zunehmend komplexeren Herausforderungen. [9]  
 
   
 
Christopher Burney,
der als Gefangener der Nazis im Zweiten Weltkrieg lange in Einzelhaft sass, gibt uns ein recht typisches Beispiel für diesen Prozess: „Wenn die Grenzen der Erfahrung plötzlich eingeschränkt werden und wir nur wenig Nahrung für Gedanken und Gefühle übrig haben, neigen wir dazu, die wenigen Objekte zu ergreifen, die sich bieten, und einen ganzen Katalog absurder Fragen über sie zu stellen. Funktioniert das? Wer hat es und woraus hat er es gemacht? Und parallel dazu: „Wo und wann habe ich so etwas zuletzt gesehen, und an was erinnert es mich?“

Gefängniszelle
So setzen wir einen wunderbaren Fluss von Kombinationen und Assoziationen in Gang, dessen Länge und Komplexität bald den bescheidenen Ausgangspunkt vergessen lässt… Mein Bett zum Beispiel konnte gemessen und grob mit Schul- und Armeebetten verglichen werden… Als ich mit dem Bett fertig war, das zu schlicht war, um mich lange zu beschäftigen, fasste ich die Decken an, schätzte ab, wie warm sie waren, untersuchte, ob das Fenster funktionierte, inspizierte die Mängel der Toilette… berechnete die Länge und Breite, die Himmelsrichtung und Höhe der Zelle.“
Grundsätzlich die gleiche Genialität im Aufspüren von Gelegenheiten für die geistige Beweglichkeit und Zielsetzungen wird von allen Überlebenden einer Einzelhaft berichtet, von Diplomaten, die von Terroristen gefangen wurden, oder von älteren Damen, die von den chinesischen Kommunisten verhaftet wurden. Eva Zeisel, die Porzellanmalerin, die über ein Jahr lang von Stalin im Moskauer Ljubjanka-Gefängnis gefangen gehalten wurde, bewahrte ihren Verstand, indem sie überlegte, wie sie aus den vorhandenen Materialien einen Büstenhalter anfertigen konnte, oder indem sie im Kopf gegen sich selbst Schach spielte, sich im Geiste auf französisch unterhielt, gymnastische Übungen machte und Gedichte, die sie sich ausdachte, auswendig lernte. Alexander Solschenizyn beschreibt, wie einer seiner Mitgefangenen im Lefortowo-Gefängnis die Weltkarte auf den Boden der Zelle malte und sich dann vorstelle, wie er über Asien und Europa nach Amerika reiste und jeden Tag ein paar Kilometer zurücklegte. Das gleiche Spiel wurde von vielen Gefangenen entdeckt: Albert Speer etwa, Hitlers Lieblingsarchitekt, beschäftigte sich über Monate hinweg im Spandauer Gefängnis, in dem er imaginär eine Wanderung von Berlin nach Jerusalem machte und sich alle Ereignisse und Sehenswürdigkeiten auf dieser Strecke ausmalte.[18]
 
 
Ein Pilot
   
  Ein Pilot verlor in einem Dschungellager achtzig Pfund und seine Gesundheit. Als er freigelassen wurde, bat er als erstes, Golf spielen zu dürfen. Zum grossen Erstaunen seiner Offizierskollegen war er trotz seines ausgemergelten Zustands zu einem ausgezeichneten Spiel in der Lage. Auf ihre Fragen antwortete er, dass er sich jeden Tag seiner Gefangenschaft vorgestellt hatte, achtzehn Loch zu spielen, wobei er sorgfältig seine Schläger auswählte und den Kurs systematisch abwandelte. Diese Disziplin hielt nicht nur seinen Verstand, sondern auch seine körperlichen Fähigkeiten intakt.[18]  
 
   
 
Tollas Tibor,
ein Dichter, der während der schlimmsten Phasen des ungarischen Kommunismus mehrere Jahre in Einzelhaft verbrachte erzählte, dass die Insassen des Visegrad-Gefängnisses, in dem Hunderte von Intellektuellen eingekerkert waren, sich über ein Jahr mit einem Wettkampf beschäftigten, wer ein Gedicht am besten übersetzte.Zuerst musste sie sich auf ein Gedicht einigen.
tollas tibor
Es dauerte Monate, bis die Vorschläge von Zelle zu Zelle gewandert waren, und viele weitere Monate, bis nach erfinderischen Geheimbotschaften die Stimmen ausgezählt waren. Man einigte sich schliesslich darauf, Walt Whitmans „Captain, my Captain!“ Ins ungarische zu übersetzen, weil es das einzige englische Gedicht war, das die meisten Gefangenen auswendig kannten. Nun begann erst die wirkliche Arbeit: Alle setzten sich nieder und überlegten ihre Version des Gedichtes. Da es weder Papier noch Schreibzeug gab, strich Tollas eine Seifenschicht auf seine Schuhsohlen und ritze die Buchstaben mit einem Zahnstocher ein. Wenn er eine Zeile auswendig gelernt hatte, legte er eine neue Seifenschicht auf. Die verschiedenen Zeilen wurden vom Übersetzer an die Nachbarzelle weitergegeben. Nach einer Weile kreisten Dutzende von Versionen durch das Gefängnis, und über jede stimmten die Insassen ab. Nach dem Withman-Wettbewerb nahmen sich die Gefangenen ein Gedicht von Schiller vor.[18]