Flow in verschiedenen Berufen    
       
 
Chirurg
   
 
Bei einem guten operativen Eingriff ist alles, was man tut, wesentlich, jede  Bewegung ist absolut richtig und notwendig, da ist Eleganz, nur wenig Blutverlust, minimales Trauma, Das ist sehr angenehm, vor allem, wenn das Team reibungslos und effizient zusammenarbeitet.
Interessanterweise ist es für Chirurgen viel einfacher in den Flow zu kommen als für Psychiater.[1, p.59]
chirurg
 
 
Bäuerin
   
  Es verschafft mir grosse Befriedigung, draussen zu sein, mit den Leuten zu reden, mit meinen Tieren zusammen zu sein… Ich rede mit allen – mit Pflanzen, Vögeln, Blumen und Tieren. In der Natur ist einem alles sehr nahe. Täglich kann man sehen, wie sich alles weiterentwickelt. Man fühlt sich makellos und glücklich. Nur schade, dass man müde wird und nach Hause gehen muss. Auch wenn man viel arbeiten muss, ist es doch sehr schön.[1, p.60]  
 
Dichter Richard Jones 
   
 
Ich habe das Gefühl, dass da Energie durchläuft, und ich blockiere sie nicht und setze ihr nichts entgegen. Eine sehr intelligente Energie fliesst durch den Körper, wenn man schreibt und es ist die Energie, die sich konzentriert und umgesetzt wird, nicht der Geist. Flow tritt ein, wenn ich es dem Schreiber in mir nicht gestatte, sich ins Schreiben einzumischen. Und wie mische ich mich ein? Ich fange an nachzudenken.[1, p.70] richard jones poet
 
 
Autor Peter Davison:
   
  „Fünf Minuten ungeteilte Aufmerksamkeit für ein entstehendes Gedicht sind länger als eine nach Stunden gemessene Woche“[1, p.78]
 
 

Komponist Ralph Shapey:
   
 
Man ist in einem Zustand der Ekstase, und zwar so sehr, dass man das Gefühl hat, nicht zu existieren. Ich habe das immer wieder erlebt. Meine Hand scheint losgelöst von mir, und ich habe nichts mit dem zu tun, was geschieht. Ich sitze nur und beobachte, ehrfürchtig und staunend. Und die Musik fliesst einfach von sich aus heraus.[1, p.71] ralph Shapey
 
 
Lachs-Tranchierer:
   
 

 

„Jeder Fisch ist anders als der vorige. Er hält den Fisch am Schwanz und schlägt ihn gegen die marmorne Arbeitsplatte, wobei er ihn betrachtet und dem Schlag im Körper des Fisches nachspürt, bis vor seinem inneren Auge eine Art dreidimensionale Röntgenaufnahme des Fischleibs entsteht. Dann nimmt er eines seiner fünf Messer zur Hand, die er mehrmals täglich bis zur Perfektion schleift. Und macht sich daran, den Fisch mit einem Minimum an Bewegungen in feinste Scheiben zu schneiden, wobei er darauf achtet, dass so wenig wie möglich von dem guten Fleisch verlorengeht. [1, 140]

 
 
Joe, Schweisser
   
 
Joe kam mit 5 Jahren in die Vereinigten Staaten und verliess die Schule nach der sechsten Klasse. Er arbeitet seit dreissig Jahren in dieser Fabrik, wollte aber nie Vorarbeiter werden. Er lehnte mehrere Beförderungen mit der Begründung ab, er sei gern ein einfacher Schweisser und fühle sich unwohl, wenn er irgend jemandes Vorgesetzter sein sollte. schweisser
Er stand zwar auf der niedrigsten Stufe der Fabrikhierarchie, doch alle kannten Joe und stimmten darin überein, dass er die wichtigste Person in der ganzen Fabrik sei. Der Leiter meinte, wenn er fünf weitere Männer wie Joe hätte, wäre seine Fabrik wohl die beste des Landes. Seine Kollegen meinten, ohne Joe könne man den Laden gleich schliessen.
Der Grund für seinen Ruhm war einfach. Joe hatte offensichtlich jede Phase der Produktion bis in die kleinste Einzelheit kennengelernt und konnte nun für jeden einspringen. Darüber hinaus konnte er jede Maschine reparieren, von den riesigen Kränen bis zu winzigsten Elektromotoren. Doch am meisten erstaunte die Leute, dass Joe diese Dinge nicht nur leisten konnte, sondern sogar Spass hatte, wenn man ihn herbeirief. Als man ihn fragte, wie er gelernt habe, mit komplexen Maschinen und Werkzeugen umzugehen, ohne jemals dazu ausgebildet worden zu sein, gab Joe eine sehr entwaffnende Antwort: Seit der Kindheit hätten ihn Maschinen fasziniert. Besonders habe er sich immer von Dingen angezogen gefühlt, die nicht funktionierten.
„Wenn zum Beispiel der Toaster meiner Mutter nicht mehr ging, fragte ich mich, wenn ich der Toaster wäre, und nicht funktionierte, das wäre wohl nicht in Ordnung?“ Dann nahm er das Gerät auseinander, fand den Fehler und setzte es wieder zusammen. Seitdem hat er diese Methode einfühlender Identifikation bei immer komplexeren mechanischen Systemen angewendet, um sie kennenzulernen und zu reparieren. Und die Faszination der Entdeckung hat nie aufgehört. Joe, der kurz vor der Pensionierung stand, hatte immer noch jeden Tag Spass an der Arbeit.
Joe ist nie ein Workaholic gewesen, jemand, der vollständig von den Herausforderungen der Fabrik abhängig war, um sich wohlzufühlen. Was er zu Hause tat, war vielleicht noch bemerkenswerter, als seine Umwandlung eines seelenlosen Rountinejobs zu einer komplexen, flow-erzeugenden Aktivität. Joe und seine Frau wohnten in einem bescheidenen Bungalow am Stadtrand. Im Lauf der Jahre hatten sie zwei leere Grundstücke zu beiden Seiten des Hauses aufgekauft. Darauf hatte Joe einen komplizierten Steingarten mit Terrassen, Pfaden und mehreren hundert Blumen- und Sträuchersorten angelegt. Als er unterirdische Berieselungsanlagen installierte, hatte er eine Idee: Wenn sie nun Regenbogen erzeugten? Er suchte Sprühköpfe, die einen feinen Wassernebel ausstäubten, aber keiner befriedigte ihn. Also plante er selbst einen und baute ihn auf seiner Drehbank im Keller. Jetzt konnte er nach der Arbeit auf seiner Veranda sitzen und mit einem einzigen Schalter ein Dutzend Berieselungsköpfe anstellen, die ebenso viele Regenbogen zauberten.
Aber in Joes kleinem Paradies gab es ein Problem. Da er an den meisten Tagen arbeitete, stand die Sonne gewöhnlich schon zu tief über dem Horizont, um das Wasser mit kräftigen Farben zu verschönern. Joe ging also wieder ans Reissbrett und wartete mit einer bewundernswerten Lösung auf. Er fand ein Flutlicht, das genug Spektralfarben hatte, um Regenbogen zu bilden. Diese Lichtquellen baute er unauffällig um die Sprühköpfe ein. Jetzt ging es erst wirklich los. Selbst mitten in der Nacht konnte er, wenn er zwei Schalter betätigte, sein Haus mit Bögen aus Wasser, Licht und Farben umgeben. [18]
 
 
Yu, Metzger, China, vor 2300 Jahren:
   
  Yu ist ein Synonym für die richtige Art und Weise, einem Pfad zu folgen und wurde als „Wandern“, „gehen, ohne den Boden zu berühren“, „schwimmen“, „fliegen“ oder „fliessen“ beschrieben. Chuang Tzu glaubte, dass Yu die angemessene Lebensweise sei – ohne Sorge um äussere Belohnungen, spontan, mit totaler Bindung – kurz die autotelische Erfahrung.
Als Beispiel, wie man mit Yu lebt – oder flow erfährt - , beschreibt Chuang Tzu in den inneren Kapiteln des Werkes, das uns unter seinem Namen überliefert wurde, die Parabel des demütigen Arbeiters. Diese Persönlichkeit ist Ting, ein Koch, dessen Aufgabe darin besteht, das Fleisch am Hof des Hui in Wen zu zerlegen. yu butcher from china
Schulkinder in Hongkong und Taiwan müssen immer noch Chuang Tzus Beschreibung auswendig lernen: “Ting zerlegte einen Ochsen für Wen-Hui. Mit jeder Berührung seiner Hand, jeder Anspannung seiner Schulter, jeder Bewegung seines Fusses, jedem Stoss seines Knies – schnipp-schnapp! Er liess das Messer hindurchgleiten, und alles geschah in perfektem Rhythmus, als tanze er oder halten den Takt der Ching-Shou-Musik ein.“
Wen-Hui war fasziniert, wieviel flow Ting bei seiner Arbeit fand und so machte er ihm über seine Geschicklichkeit ein Kompliment. Aber Ting stritt ab, dass es sich um Geschicklichkeit handele. „Was mich beschäftigt, ist das, was über Geschicklichkeit hinausgeht.“ Dann beschrieb er, wie er diese ausgezeichnete Leistung erreichte.  Es war eine Art mystisches, intuitives Verständnis der Anatomie des Ochsen, das ihm ermöglichte, ihn mit vermeintlich automatischer Anmut in Stücke zu zerlegen. „Wahrnehmung und Verständnis erreichen ihr Ende und der Geist geht, wohin er will“. [4, 199]