.

  Flow - die Geschichte      
               
    [18] Mihaly Csiksentmihalyi erzählt: Anfänglich wurden nur Personen interviewt, die viel Zeit und Mühe auf Aktivitäten verwendeten, die schwierig sind, aber keine offensichtlichen Belohnungen wie Geld oder Ruhm bieten, Bergsteiger, Komponisten, Schachspieler und Amateursportler etwa.
Späteren Studien umfassten auch Interviews mit ganz unauffälligen Menschen, die ein völlig normales Leben führten. Wir baten sie, zu beschreiben, wie sie sich fühlten, wenn ihr Leben am erfülltesten war, wenn das, was sie taten, ihnen die meiste Freude bereitete.
     
    Zu diesen Menschen gehörten Chirurgen, Professoren, Angestellte und Arbeiter, junge Mütter, Pensionäre und Teenager. Es gehörten aber auch Personen aus Korea, Japan, Thailand, Australien, verschiedenen europäischen Nationen und einem Navajo-Reservat dazu.
"Dr.Flow" - David Schlaepfer über "Flow"
     
    Auf Grundlage dieser Interviews können wir nun beschreiben, was die Freude an einem Ereignis ausmacht und so Beispiele geben, damit jeder von uns seine Lebensqualität verbessern kann.
Die erste Überraschung, auf die wir bei unserer Studie stiessen, war, wie ähnlich sehr unterschiedliche Aktivitäten beschrieben wurden, wenn sie besonders gut liefen. Offensichtlich fühlte sich ein Langstreckenschwimmer bei der Durchquerung des Ärmelkanals fast genauso wie ein Schachspieler bei einem Turnier oder ein Bergsteiger beim Aufstieg in eine steile Felswand. Sämtliche Gefühle wurden in wichtigen Einzelheiten von den Befragten geteilt, ob es sich um einen Komponisten handelte, der ein neues Quartett schrieb, oder einen Teenager aus dem Ghetto, der an einem Meisterschaftsspiel im Basketball teilnahm.
Die zweite Überraschung war, dass die Befragten unabhängig von Kultur, Bildung, Gesellschaftsschicht, Alter oder Geschlecht Freude fast gleich beschrieben. Was sie taten, um Freude zu erleben unterschied sich gewaltig – die älteren Koreaner meditierten gern, japanische Teenager schwärmten gern auf Motorrädern aus – aber sie beschrieben in  nahezu identischen Begriffen, wie sie sich fühlten, wenn sie Freude erlebten. Auch die Gründe, warum sie jeweilige Aktivität genossen wurde, wiesen mehr Ähnlichkeiten als Unterschiede auf. Kurz, optimale Erfahrung und die psychische Bedingungen, die sie ermöglichen, scheinen in der ganzen Welt die gleichen zu sein.
Aus den Studien geht hervor, dass die Phänomenologie der Freuede acht Hauptkomponenten umfasst. Wenn Menschen darüber nachdenken, wie sie sich fühlen, wenn eine Erfahrung höchst positiv ist, nennen sie zumindest eine, oft auch alle anderen:

1 Die Erfahrung findet gewöhnlich statt, wenn wir auf eine Aufgabe stossen, der wir uns gewachsen fühlen.
2 Wir müssen fähig sein, uns auf das zu konzentrieren, was wir tun.
3 Die Konzentration ist gewöhnlich möglich, weil die angefangene Aufgabe deutliche Ziele umfasst und..
4 .. unmittelbare Rückmeldung liefert
5 Die Handlung geschieht mit einer tiefen, mühelosen Hingabe, welche die Sorgen und Frustrationen des Alltagslebens aus dem Bewusstsein verdrängt.
6 Erfreuliche Erfahrungen machen es möglich, ein Gefühl von Kontrolle über Tätigkeiten zu erleben.
7 Die Sorgen um das Selbst verschwinden, doch paradoxerweise taucht das Selbstgefühl nach der Flow-Erfahrung gestärkt wieder auf.
8 Das Gefühl für Zeitabläufe verändert sich: Stunden vergehen in Minuten, Minuten können sich vermeintlich zu Stunden ausdehnen. Die Kombination dieser Bestandteile ruft ein tiefes Glück von Freude hervor, welches so lohnend ist, dass man bereit ist, viel Energie dafür aufzuwenden, um es immer wieder zu erleben.
Ich drücke es so aus: Der innere Zeitmassstab wird bedeutsam, und der äussere tritt in den Hintergrund.

Eine einfache Massnahme, Herausforderungen zu kreieren ist, sich in eine Wettbewerbssituation zu begeben – wie alle Mannschaftssportarten zeigen. Und Flow ist ansteckend.. sogar über den Fernseher!

Bei Flow ist essentiell, dass die Handlungsmöglichkeit von einer Person als für ihre Fähigkeiten angemessen eingestuft wird. Tennisspielen ist beispielsweise nicht erfreulich, wenn die Gegner schlecht zueinander passen. Der weniger geschickte Spieler wird sich unsicher fühlen, der bessere gelangweilt. Das gleiche gilt für jede andere Aktivität: Ein Musikstück, das für bestimmte Hörgewohnheiten zu einfach ist, wird als langweilig empfunden, eines, das zu komplex ist, als frustrierend. Freude tritt an der Grenze zwischen Langeweile und Unsicherheit auf, wenn sich die Herausforderungen mit den Fähigkeiten des Menschen die Waage halten. [4, 79].

[4, 106] Es wird ein Gefühl einer Entdeckung geschaffen, ein kreatives Gefühl, das das Individuum in eine andere Realität versetzt.“

Flow ist ein hoher Bewusstseinszustand, ein Gefühl der völligen Vertiefung und des Aufgehens in einer Tätigkeit, auf Deutsch könnte man es als Schaffens- bzw. Tätigkeitsrausch oder Funktionslust bezeichnen.

Was ein meditativer Zustand für Yin ist, ist Flow für Yang. Oder anders gesagt:
Transzendente Zustände treten in der Meditation, im Nicht-Tun auf.
Flow hingegen ist im Tun verankert, hat viel mit Absicht zu tun.
Beide Zustände zeichnen sich durch eine veränderte Wahrnehmung, Glücksgefühle und oft auch ein verändertes Zeitgefühl aus.

Flow zeichnet sich durch eine Bündelung des Bewusstseins aus, die Sinne sind auf eine (überschaubare) Tätigkeit ausgerichtet, die nicht unterbrochen wird, bei Kindern ist das quasi automatisch mit dabei.
Flow tritt in einem im Bereich zwischen Überforderung und Unterforderung auf und hat viel mit den aktuellen Fähigkeiten der betroffenen Person zu tun – über die Zeit wird sie neue – anspruchsvollere Rahmenbedingungen definieren, um wieder in den Flow zu kommen.
Die Sportler nennen es „in the zone“.
Und Abraham aus Texas, der sich auf die effizientesten Zusammenfassungen in diesem Gebiet spezialisiert hat, nennt es „Vortex“.
Früher (oder in ländlichen Gebieten heute) war Flow aufgrund von viel weniger Multitasking wesentlich einfacher zu erreichen.
Flow hat viel mit Offenheit zu tun. Mit Neugierde. Und der Fähigkeit sich ganz in eine Sache zu vertiefen. Alle diese Qualitäten haben sehr viel mit Lebendigkeit zu tun.
Lebendigkeit wiederum ist von Attraktivität und Neugierde nicht zu trennen.




Flow ist etwas anderes als „fun“ oder ein „kick“ – hier unterscheidet sich vor allem die zeitliche Komponente: Flow ist eine länger andauernde Euphorie.
Flow kann jederzeit selbst induziert herbeigeführt werden, wenn man verstanden hat, wie’s geht.
Im Zustand des Flow verschmelzen Handlung und Bewusstsein zu einer ungeteilten Welle der Energie. [1, 59]

Gegenwartsbezug
: Im Flow zählt die Gegenwart [1,72] – Ablenkungen, Probleme, die Vergangenheit und die Zukunft sind nicht wichtig.
Verbindung mit etwas Grösserem: Ein Kletterer sagt es so: „Man ist nicht wirklich der Herr und Meister, sondern man bewegt sich zusammen mit etwas Anderem. Das ist der Aspekt, aus dem das eigentliche Wohlgefühl kommt. Man bewegt sich im Einklang mit etwas Grösserem, mit dem Felsen ebenso wie mit dem Wetter und mit der Gegend. Man ist ein Teil davon, und damit verliert man das Gefühl des Individuellen und Separiertem.“
Mit anderen Menschen passiert das oft, wenn wir zusammen singen, Liebe machen, wandern, ein Problem in konstruktiver Zusammenarbeit lösen, etwas grosses Vollbringen. Immer scheint dabei die Identifikation mit der eigenen Endlichkeit, den eigenen Grenzen zu verwischen und sich teil- und zeitweise aufzulösen.
In all diesen Situation tritt das persönliche Bewusstsein einen Schritt zurück und öffnet den Raum für ein neues Schwarmbewusstsein.
Und paradoxerweise wird unsere Individualität dadurch gestärkt und geschärft (ganz im Gegensatz zu den Ängsten, die das fikitive Volk "die Borg" in Raumschiff Enterprise bei allen mir bekannten Menschen auslöst!).

Eine gute Beschreibung von Flow besagt, dass Flow die psychische Entropie verringert [2, 81] in [4,62] wird das auch als Negentropie bezeichnet. Das ist eine intelligente Handlung (sortieren – die Grundaktion von Intelligenz).

Gleichzeitig ist es auch ein Puzzlestein für die Kommunikation: Flow fördernde Kommunikation ist bereit im Gespräch zuzuhören, zu „tanzen“.  [2, 81] Dazu sind 2 Bedingungen nötig:
Erstens: Dass wir eine Übereinstimmung der Ziele beider Gesprächspartner finden und Zweitens:  Dass wir bereit sind, Aufmerksamkeit in die Ziele unseres Gesprächspartners zu investieren.

[4, 201] Die Personen, die Flow beherrschen, erledigen Arbeit, die schwer und wenig glanzvoll ist, die meisten Menschen würden sie langweilig, eintönig und unwichtig nennen. Doch diese Personen verwandelten ihre Jobs, die sie tun mussten, zu komplexen Aktivitäten. Dies gelang ihnen, indem sie Handlungsmöglichkeiten erkannten, die andere nicht wahrnahmen, indem sie Fähigkeiten entwickelten, sich auf ihre Tätigkeit konzentrierten und sich erlaubten, sich in dem Prozess zu verlieren, so dass ihr Selbst gestärkt daraus hervorgehen konnte. Derart transformiert kann Arbeit erfreulich werden, und als Folge des persönlichen Einsatzes psychischer Energie verleiht sie einem das Gefühl, sie sei frei gewählt.

Anders ausgedrückt:
Wer Flow beherrscht, hat die Fähigkeit erworben, in einer vorgegebenen Arbeit oder Struktur ein eigenes Fenster zu öffnen und dieses auf selbstgewählte (intrinsische) Art zu gestalten.